Rohstoff Filmmagazin
Cover Fanzine 1: Heterosexuality is the opium of the masses.*

Totally concerned with sex

Zu den frühen Super-8-Filmen von Bruce LaBruce

von Dietmar Schwärzler

Bruce LaBruce hat in seinem jüngsten und kontroversiell diskutierten Film THE RASPBERRY REICH,der dieses Jahr bei den Berliner Filmfestspielen seine Premiere feierte, drei auf den ersten Blick parallel laufende, aber kommunizierende, Gattungen ganz explizit zusammengeführt: (Schwule) Pornoindustrie, Popkultur und Politisches Kino. Grafisch grell und poppig gestaltet und unterstützt durch zahlreiche Schriftbilder – vorwiegend in rot und schwarz – deklamiert die Hauptfigur „Gudrun" (gespielt von Susanne Sachse, früher am Berliner Ensemble tätig) Slogans einer ehemaligen Linken, inmitten einer ausschließlich von männlichen Pornostars dargestellten Terroristenzelle der RAF. Parallel dazu wird gefickt, was das Zeug hält. Allerdings vorwiegend über den Umweg einer als konform klassifizierten (hetero)sexuellen Praxis, mit der nach Bruce LaBruce keine Revolution zu machen ist. „There is no revolution without sexual revolution", skandiert Gudrun und bricht selbst mit der klassisch (klein)bürgerlichen Zweierbeziehung, indem sie ihren Freund zum Sex mit einem Mann animiert.

1964 als Justin Stewart in Southampton/ Ontario in Kanada geboren, zählt Bruce LaBruce zu einem aktiven Mitglied der New-Queer-Cinema-Bewegung, die Anfang der 1990er Jahre in Nordamerika entstand. Neben seiner Arbeit als Regisseur ist er als Schauspieler, Autor, Journalist/Kolumnist (etwa im Life-Style Magazin index oder den Schwulen Magazinen Honcho, Inches, Butt) und als Fotograf (auch im Kunstkontext) tätig. Seine Auseinandersetzung mit der Pornoindustrie in der Trilogie SUPER 8 1/2, HUSTLER WHITE und SKIN FLICK, letzteres eine Auftragsproduktion der Berliner Pornofilmfirma Cazzo, bestätigte ihn als streitbare Schwulenikone, die die millionenschwere Pornoindustrie bzw. deren Filmproduktionen „als Mittel benutzt, um eine politische Haltung zu transportieren". Gleichzeitig erkennt er darin ein Genre, „das die Verarbeitung politisch unkorrekter Fantasien erlaubt". So gibt es von SKlN FLICK und THE RASPBERRY REICH jeweils auch zwei Fassungen: eine Hardcore-Pornofassung auf Video/DVD und eine Softcore-Version, die auf Festivals und im Art-House-Kontext läuft. Trotz dieser Publikumssegmentierung geht mit seinen Arbeiten stets die Diskussion einher, dass diese Mischform aus Politik-Pop-Porno die jeweiligen „Zielgruppen" nur bedingt befriedigt, jeweils aus denkbaren Perspektiven.

In den 1990er Jahren ging LaBruce auch einige Kollaborationen mit der in Los Angeles lebenden Performance Künstlerin und Drag Star Vaginal (Creme) Davis ein, die sich wie er (v.a. in SKIN FLICK) stark mit autoritären Schwulen-ikonografien (Skinhead, Polizist, Soldat ...) beschäftigt. Ein filmisches Portrait über sie scheiterte, da seine gesamte Filmausrüstung plus das während mehrerer Jahre gedrehte Filmmaterial gestohlen wurde. Bereits in den 1980er Jahren reüssierte Bruce LaBruce als (Mit-)Herausgeber verschiedener queerer Punk-Magazine wie Dumb Bitch Deserves To Die (mit Candy Parker), Homocore und JD's, das er mit der Queer-Punk-Ikone G.B. Jones realisierte. Erste Super-8 Filme folgten, die ihren Abschluss in dem ausschließlich auf Super-8 gedrehten und auf 16mm aufgeblasenen Spielfilm NO SKIN OF MY ASS fanden. Wie er in THE RASPBERRY REICH die RAF deheterosexualisiert und sich mit ihrer popkulturellen Vereinnahmung (ähnlich wie jener der Black Panthers, der Symbionese Liberation Army, der PLO oder von Einzelkämpfern wie Che Guevara) auseinandersetzt, benutzt er in seinen frühen Super-8 Filmen vor allem die nordamerikanische Punkszene als Angriffsfläche, um ihr Machotum (male-bonding) bzw. ihren ausgestellten Nonkonformismus zu hinterfragen und zu dekonstruieren. Punk – im Queercore-Kontext auch eine frühe Bezeichnung für Gefängnisinsassen, die Mithäftlinge sexuell befriedigten – hatte in Nordamerika (im Vergleich stärker als in Europa), trotz ihres antibürgerlichen Protestes, eine mehr als ambivalente Haltung zu Sexualitätspraktiken abseits der heterosexuellen Norm. (1) Als Randfigur genau jener Postpunk-Anarcho-Szene versuchte LaBruce, neben den unterschiedlichen Fanzines, auch mit seinen kleinen, rotzigen Super-8 Filmen diese Subkultur auf ganz unmittelbare Art mit alternativen Bildern zu konfrontieren.

In SLAM, seinem filmisch wohl schönsten Super-8 Film, unterlegte er den schwarz-weiß aufflackernden, rhythmisierten und sogartigen Bildern eines Punkkonzertes zwei Songs von The Carpenters; jener idealisierten, wertekonservativen amerikanischen Musikfamilie, deren „Abgründe" auch Todd Haynes in seinem Kurzfilm SUPERSTAR. THE KAREN CARPENTER STORY präsentierte. Parallel geschnitten ist dazu farbiges Found-Footage-Material eines Schwulenpornos der 1970er Jahre. So sind u.a. zu den Songzeilen „We go on, hurting each other" oder „Don't you remember you told me, you love me baby"' abwechselnd Penetrationsszenen und ausgelassene Punksessions zu sehen.

Erzählerisch weniger direkt ist SEXBOMBS (gemeinsam mit Candy Parker realisiert), der drei Szenenfragmente kombiniert: ein weiblicher Punk beim Ankleiden, Schminken, Styling ihres Irokesen und Überziehen sexuell aufgeladener Schmuckstücke; zwei tänzerisch raufende Burschen, die sich sukzessive gegenseitig die Kleidung vom Körper reißen und letztendlich ein Skater, der in popartigen Großaufnahmen sein Skateboard liebkost und als sexuelles Fetischobjekt benutzt. Schon im Vorspann wird der Kontext durch neben- und untereinander angeordnete Fotos, auf denen Portraits von Punks zu sehen sind, markiert. SEXBOMBS scheint sowohl von den auf 8mm gedrehten „Physique Films" der 1950er Jahre – jener Filme, die das Pornografieverbot umgingen, indem sie spärlich bekleidete oder nackte Männer bei Tätigkeiten wie Sport, Kampf, Tanz usw. präsentierten – inspiriert, als auch von Filmen Kenneth Angers, dessen Einflüsse es hier zu entdecken gilt.

Ein sehr stark materialaktionistischer Streifen ist INTERVIEW WITH A ZOMBIE, in dem Bruce LaBruce den Splatterfilm bemüht. Angespielte, unterschiedliche Musiknummern untermalen zögerlich wuchernde, für die Kamera gestellte Blut- und Ketchuporgien. Varianten von Sperma, Spucke, Blut überziehen die Gesichter und Körper, die krude vor sich hin gestikulieren oder grinsen. Die Szenerie ähnelt einem ausufernden Sonntag Nachmittag unter Freund/innen, die spielerisch einem Genre nacheifern.

BOY/GIRL oder auch I KNOW WHAT IT´S LIKE TO BE DEAD vermischen Found Footage Material von B-Movies mit selbst gedrehtem Material. Die Übergänge zwischen diesen Materialformen finden hier fließend statt, die Erzählung erfolgt quasi linear, wenngleich Wiederholungsmotive verstärkt Verwendung finden. Unterlegt ist beiden Filmen wiederum ein Sample aus unterschiedlichsten Musikstilen, die mit asynchronem, in verschiedenen Tempi abgespieltem Sound kombiniert werden. Diese Tonspur entspinnt manchmal auch eine Erzählung oder kommentiert diese. In I KNOW WHAT IT´S LIKE TO BE DEAD übernimmt Bruce LaBruce selbst die Hauptrolle, was auch ein späteres Charakteristikum seiner Langfilme ist. Bereits im Vorspann schreiben sich die Credits auf seinem Arsch, seinen Händen und seinem Brustkorb ein. Im Abspann ist es ein durch geschickte Schwarzblenden unterbrochener Strip des Regisseurs, der endet, als ihm eine Freundin die verbleibende Unterhose runter ziehen will. Dazwischen cruised er vor einem Sexkino, in dem der Streifen TOTALLY CONCERNED WITH SEX gezeigt wird – ein Hin- und Weg Zoom auf das Kinoinsert markiert es deutlich –, begibt sich schwankend in die U-Bahn, wo er in Großaufnahme seine Augen rollt, und taumelt ins Spital. Auf dem Operationstisch angekommen, wird (mithilfe des Einsatzes von Splatterfilm Schnipsel) in seinen Organen gerührt und geschnitten, bis er in einer Traumsequenz mehrfach einem kleinen Mädchen begegnet, die mit ausgestreckten Händen durch das Zimmer streift. Ein ekstatischer und extrem fröhlicher Totentanz von LaBruce folgt, der mit springenden Kühen auf einem Feld quer geschnitten ist. Ungeniert wird dem Leben getrotzt, in dem der Tod ständiger Begleiter ist, verdeutlicht in Form eines am Arm eintätowierten Sensenmannes. Nicht von ungefähr wählt LaBruce in seiner darstellerischen Form oder Unform – darin liegt auch der spezifische Reiz, – die Figur des „Sissy's", eine Charaktere die sowohl von heterosexueller als auch von homosexueller Seite mehrfach diskreditiert ist, und kombiniert diese mit Punk. Nicht der „white, straight looking guy", der er auch sein könnte, wird von ihm repräsentiert, sondern ein Typus der in seiner Gestik mehrfache Überschreitungen oder Überschüsse zelebriert bzw. das (schwule) Klischee an sich selbst genießt. Bruce LaBruce verweist gerne auf Stummfilmstars, die der theatralen Sprache den Vorzug vor der realistischen Darstellung gaben, und nennt den Ausnahmekomiker Jerry Lewis als seine schauspielerische Inspirationsquelle.

Die Verwendung von Super-8 basiert bei LaBruce weniger auf einer spezifischen Materialästhetik, sondern ökonomische Gründe zwingen ihn dazu. Nichtsdestotrotz vermischen sich in diesen Filmen ganz unterschiedliche Materialformen und Ästhetiken: Found Footage mit selbst gedrehtem Material; inszenierte Home Movies mit Schnappschüssen; schwarz-weiß (Negativ-)Film mit Farbfilm; ruckartige Zooms mit einer gleitenden Kamera, die Objekte, Gesichter oder Körper abtastet; in Farbe getauchtes, schummriges (Spot-) Licht mit monochromen Farb- und Filmrestbildern; Punksound, kommerzieller Pop oder experimentelle Tonbearbeitungen. All das zusammen suggeriert eine Art provokantes Bastelkino, das liebevoll und brachial zugleich agiert. Darüber hinaus fungieren seine frühen Super-8 Filme auch als Zeitsplitter, in denen Allianzen unterschiedlichster Außenseiter/innenpositionen (auch heterosexueller) sichtbar und eingefordert werden, die nach wie vor nicht selbstverständlich sind. Sie folgen einer Haltung, die sich einerseits abseits der reinen Szenen-Communities bzw. deren häufigen Gettoisierung positioniert, diese auch angreift, andererseits aber aktiver Teil eben jener Communities bleibt. Nicht zuletzt lassen sich in ihnen sowohl Momente einer bereits ausgeprägten, expressiven Filmsprache wieder finden, als auch völlig unausgegorener, handwerklich schlechter und unbeholfen wirkender Trash. (Ab-)Bilder eines persönlichen, zugleich politischen Kinos, das um seinen Kontext weiß, diesen mitunter negiert oder provoziert und ihn dennoch ausgiebig feiert.

(1) Vgl. Homocore, Nr 7, 1991 „Don't Be Gay, Or How I Learned To Stop Worrying And Fuck Punk Up The Ass", auf www.wps.com/archives/HOMOCORE. Gezeichnet ist der Artikel mit „G.B. Jones (dyke division) and Bruce LaBruce (fag division) for the New Lavender Panthers".

Dank an Barbara Reumüller für die Zurverfügungstellung des Ansichtstapes.

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